Der erste Dorfsheriff erzählt

Der erste Dorfsheriff erzählt

( Auszug aus der Dorfchronik Willen im Landkreis Wittmund- Herausgeber Bürger- und Heimatverein Willen )

 

Alfred Stöß, Jahrgang 1924, war der erste und gleichzeitig letzte Polizeiposten in der selbstständigen Gemeinde Willen. Den gebürtigen Thüringer aus Gotha verschlug es nach dem Krieg nach Ostfriesland. 16 Jahre ( 1946-1962 ) war er Polizeibeamter in Willen. „ Mit guten Ermittlungsergebnissen und besten Kontakten zur Bevölkerung“, wie er heute resümiert.

 

Die ehemalige Polizeistation Willen war ein echtes Kind der umstrukturierten Polizei im Nachkriegsdeutschland mit vielen Flüchtlingen und Menschen, die noch keine vernünftige Wohnung hatten. Die Gemeinde Willen gehörte nach dem Krieg zunächst zur Gendarmerie-Station Wittmund-Land, die vom Polizeimeister Komm besetzt war, die Gemeinde Ardorf war mit dem Polizeimeister Scheibe der Gendarmeriestation Leerhafe angeschlossen.

 

 

Stöß, der heute als Pensionär in Holtgast lebt, erinnert sich an diese Zeit wie folgt: „ Beide Polizeibeamte waren Persönlichkeiten von echten Schrot und Korn, über die mancherlei Anekdoten kursierten. Sie hatten vier Herren gedient: dem Kaiser, der Weimarer Republik, den Nazis und nun mehr oder weniger den britischen Besatzungstruppen.

 

Die Briten hatten sich schwer getan, als es um die Bewaffnung der Polizei ging, vertraten sie doch die Ansicht, dass Schlagstock und Trillerpfeife ausreichen müssen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten.

 

Als ich am 1. Mai 1946 – praktisch ein Jahr nach dem Kriegsende- meinen Dienst bei der neu gebildeten Gendarmeriestation antrat, nannte sie sich gemäß der Lage ihrer Dienststelle Gendarmerie-Station Ardorf. Man hatte zwar neue Dienstbereiche geschaffen, ohne dabei aber an Dienstgebäude zu denken. Aber das betraf nicht nur mich, sondern auch die Kollegen in Wittmund-Land, Funnix, Bensersiel, Groß-Holum, Neugaude, Fulkum, Reepsholt und Upschört. Meine erste Dienststelle richtete ich im Verkaufsladen der Schmiede Martin Tobias in Ardorf ein und besaß ein kleines Dachzimmer im gleichen Haus. Meine Familie wohnte in Wittmund, und alle Bestrebungen gingen dahin, für uns eine geeignete Wohnung zu finden. Damit standen wir keineswegs allein. Die Flüchtlingsströme rissen nicht ab. Wohnraum wurde bewirtschaftet.

 

Willen und Ardorf waren Gemeinden im Kreis, denen die meisten Flüchtlinge zugewiesen wurden. Sie traten ein Erbe an, dass der Flughafen Wittmundhafen mit seinen zahllosen Wehrmachtsbaracken hinterlassen hatte. In diese Behausungen wurden Flüchtlinge eingewiesen.

 

Selbst der damalige Bürgermeister von Ardorf, Albert Onken, hatte Gemeindebüro und Wohnung in einer solchen Baracke. Es dauerte einige Monate, bis ich eine Unterwohnung im Verwalterhaus auf dem Ziegeleigelände in Heglitz bekam. Das waren Räume mit gestampften Fußböden, die zuvor dem Ziegeleipersonal als Aufenthaltsräume gedient hatten. Immerhin konnte meine Familie umziehen. Kurze Zeit später zog der Oberleistungsprüfer Willi Toben aus der Oberwohnung aus, so dass ich für meine Familie eine für damalige Verhältnisse angemessene Behausung bekam. Die Polizeidienststelle befand sich bis Juni1949 in Ardorf und wurde dann nach Willen verlegt, wo ich von Felix Ridder am Brink dessen Einfamilienhaus angemietet hatte.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt war es al­lein meiner eigenen Initiative bei Führung der Polizeidienststelle über­lassen. Die Besatzungsmächte und die langsam entstehenden Verwal­tungen schufen auf dem Papier neue Dienststellen, ohne in der Lage zu sein, die Dienst-Posteninhaber mit dem Nötigsten auszustatten. Einen Schreibtisch und einen dazugehöri­gen Sessel kaufte ich beispielsweise aus Wehrmachtsbeständen auf dem ehemaligen Flugplatz Wittmundha­fen für fünf DM. An eine Schreibma­schine war überhaupt nicht zu den­ken. 1949 betrug mein Bruttogehalt monatlich 222,61 DM. Das Gehalt wurde jeweils in zwei Raten ausge­zahlt.

 

Selbst die Uniformierung der Polizei war nicht möglich, weil die Kleiderkammern leer waren. Jene, die eine Uniform trugen, hatten den Über­gang von der Naziherrschaft zur Besatzungszeit vorerst überstanden. Wir jungen, neu eingestellten Ord­nungshüter mussten in „Räuberzivil“ und einer Armbinde mit der Auf­schrift „ German Military Police“ un­seren Dienst versehen. Von einem e­hemaligen Beamten, der die Entnazi­fizierung nicht überstanden hatte, tauschte ich für zwei Pfund Butter meine erste Uniform ein. Auch op­tisch hob ich mich von vielen anderen Kollegen ab, die immer noch mit der Armbinde für Ruhe und Ordnung sorgen mussten.

 

Seit meinem Umzug von der Ziege­lei Heglitz nach Willen nannte sich die Dienststelle nunmehr Polizeistati­on. Natürlich drängte ich bei meinen vorgesetzten Dienststellen darauf, ei­ne landeseigene Wohnung zugewie­sen zu bekommen, doch stieß ich auf taube Ohren. Man zahlte mir für die Bereitstellung eines Dienstzimmers in meiner Wohnung eine monatliche Pauschale von 25 DM. Als 1952 das alte Forsthaus im Wittmunder Wald frei wurde, setzte ich alles dran, da­mit das im Besitz des Landes Nieder­sachsen stehende Gebäude als Dienststelle der Polizei angemietet werden sollte. Unterstützung fand ich dabei beim Forstamt Sandhorst und bei Revierförster Westermann in Hohehahn.

 

Die vorgesetzten Dienststellen hat­ten wegen der peripheren Lage des alten Forsthauses zunächst Beden­ken. Schließlich konnte ich mich aber durchsetzen. Im Oktober 1952 erfolgte mein Umzug vom Brink zum ehemaligen Forsthaus.

 

Volle zehn Jahre habe ich von diesem Standort die beiden Gemeinden Willen und Ardorf betreut. Das End bahnte sich an, als 1962 eine Phase der Reformen einsetzte. Die Neustrukturierung sollte Besserungen bringen, doch ich kenne keine, die diesem Anspruch gerecht geworden wäre. Der Landgendarm, der all seine Pappenheimer kannte, war nun nicht mehr zeitgemäß. Auch willen verlor seine Polizeistation. An die Stelle überschaubarer Dienststellen traten Großraumreviere. Vorbei war die Zeit, wo Bürger ihren Dorfsheriff noch um Rat fragen konnten. Was seit Generationen gut funktioniert hatte, wurde aufgegeben.

 

Ich verspürte wenig Lust, in dieser Art und Weise reformiert zu werden, und beantragte meine Versetzung auf die Insel Spiekeroog, wo eine allgemeine Polizeistation eingerichtet werden sollte. Die Insel wurde zunächst von der Polizeistation Groß-Holum betreut und in den Sommermonaten wurden im monatlichen Wechsel Beamte aus Esens und Wittmund nach Spiekeroog abgeordnet. Mit zunehmendem Fremdenverkehr konnte jedoch diese Praxis nicht mehr aufrechterhalten werden. Sowohl die Gemeindeverwaltung als auch die Kurverwaltung drängten auf eine Polizeidienststelle. Meinem Antrag auf Versetzung zur Insel wurde stattgegeben, und am 02. Mai 1962 trat ich dort meinen Dienst an.

 
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