Polizei in Esens
Die Polizei in Esens

Von Detlef Kiesé


Erste Polizei-Ordnung

 

Laut dem Esenser Stadtwachtmeister Johann Anthon Andrée ist eine „Gerichts und Policey Verfassung“ erstmals im Jahre 1565 erlassen worden. Und 1711 wurde eine neue „Fürstliche Policey-Ordnung“ im Harlingerland eingeführt.

 

1789 gab es eine Bürgerwache, an die sich jeder Bürger beteiligen musste, oder er kaufte sich frei. Für jedes der vier Esenser Stadtquartiere mussten zwei Mann auf Wache ziehen, die im Falle eines Brandes zu alarmieren und vor nächtlichen Einbrüchen zu schützen hatten. Bürgerwache war von 22 Uhr bis 5 Uhr.

 

Nachtwächter

 

Im 17. Jahrhundert gab es in Esens städtische Bläser und Nachtwächter, die auf Brand, Aufruhr und Diebstahl achten sollten. Weil die Tätigkeit mit 15 Reichsthaler im Jahr für den Lebensunterhalt nicht ausreichte, waren sie tagsüber meist als Bierträger beschäftigt. Dienst war zeitweilig von „8 Uhr abends bis Glocke fünf“. Ein Wechsel war zum Beispiel am 23. April 1672: Bartholomäus Litzow löste Caspar Ludderhosen ab. Am 3. Februar 1686 legten die Brüder Hermann und Hajo Garlichs ihren Amtseid ab. Zur Besoldung mussten die Stadtbewohner das Bläsergeld zahlen.

 

Aufgabe des städtischen Wachtmeisters war es, die Stadttore zu richtigen Zeit auf- und zuzuschließen, den Schlüssel zu verwahren und auch die Nachtwächter zum „ordentlichen Blasen“ anzuhalten. Oft stand ihm ein Gehilfe oder Adjunkt zur Seite, 1685: Berndt Kruse

 

In den Jahren 1769 bis 1841 lebte der Esenser Stadtwachtmeister Johann Anthon Andrée, dem die Esenser auf Grund seines Engagements als Chronist eine Vielzahl von detaillierten Überlieferungen aus seiner Zeit zu verdanken hat. In der Bärenstadt als Stadtwachtmeister tätig war er ab 1792. Am 1. Mai 1784 trat Andree als Gehilfe bei einem Esenser Notar „in Condition“.

 

Den Posten des Stadtwachtmeisters gab es schon zur Zeit der ostfriesischen Grafen und Fürsten. Dieser Beamte musste, wie seine Dienstbezeichnung noch andeutet, „die Wachen wohl bestellen“ und die Stadttore schließen. Er sollte den Bürgermeistern, seinen unmittelbaren Vorgesetzten, bei der Erfüllung von Verwaltungsaufgaben zu Gebote stehen und als Vollzugsbeamter sowohl für das Stadtgericht wie für den Magistrat tätig sein, also z. B. Exekutionen durchführen, Ladungen und gerichtliche Mandate zustellen. Schließlich sollte er für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen. Sein Untergebener, der Stadtdiener, hatte die gleichen Pflichten wie der Stadtwachtmeister, musste jedoch darüber hinaus einige niedere Dienste verrichten. Der Stadtwachtmeister Andree lernte „seine" Stadt und ihre Bewohner gründlich kennen, und da ihm auch die Stadtakten zugänglich waren, wusste er zuweilen mehr über die Bewohner dieser kleinen, überschaubaren Welt, als manchem von ihnen lieb sein mochte. Er heiratete 1792 Marie Sophia Claassen, die jüngste Tochter des Esenser Küsters und Uhrmachers Christian Wilhelm Claassen.

 

1869/70 erhielten die beiden angestellten Nachtwächter zusammen jährlich 80 Taler. Zwischen 1. Dezember und 1. März wurde die Nachtwache um eine Nachtpatrouille verstärkt, aus 16 Mann, von denen vier im Dienst waren. Die Stadt zahlte für diesen Patrouillendienst einen Taler je Nacht.

 

1926 wurde der Dienst des regelmäßigen Patrouillierens von 23 Uhr bis 5 Uhr festgelegt. Zwei Mann waren im Dienst, Anfang und Ende des Gangs waren beim Jüchertor. „Der Nachtwachdienst hat sich vornehmlich auf die Auftrechterhaltung der Ruhe und Ordnung und die Beobachtung und Verhütung von Gefahren, Gesetzesverletzungen und Ähnlichem zu erstrecken“, heißt es in der Esenser Dienstanweisung vom 24. September 1926. Im Falle eines Brandes wurde das Brandhorn geblasen

 

 

Polizei in Esens

 

Diedrich Christian (Didi) Claassen war von 1888 bis 1925 Polizei-Hauptwachtmeister in Esens. Über ihn ist in dem Gedicht „Bärenstadt bei Nacht“ vom damaligen Theologiestudent und späterem Pastor in Dornum, Habbo Lüpkes, die Rede.

 

(Herr Kulin war ein kleiner dicker Tanzlehrer, der unter anderem den Esenser Mädchen Ballettunterricht gab)

Von Didi Claasen kennt Anneus Buismann noch eine zweite Geschichte: Er wollte wohl einmal einen Straftäter nach Aurich zum Gefängnis bringen und benutzte die Kleinbahn. In Dunum sprang der Mann vom Zug und suchte das Weite. Claassen, den Säbel an der Seite, hinter ihm her. Weil er noch nicht einmal den Namen des Mannes kannte, soll er hinter ihm hergerufen haben: „Ich will weißen, wie sie heißen“. „Auf jeden Fall muss er wohl einen eigenwilligen Umgang mit der hochdeutschen Sprache gehabt haben“, findet Buisman.

 

Marktplatz in Esens 1933

Im Jahr 1933 waren in Esens als Polizei-Wachtmeister tätig: Ludwig Kadrian (Sittenpolizei), Herr Wisnewski (später Einzelposten Groß Holum), Theo (???) Lottmann (Stadt) und Karl Bösch (Gendarmerie), die am 1. Mai 1933 (Hitlers Machtergreifung) auf dem Marktplatz anzutreffen waren.

 

 

 


Die Dienststelle für Stadtpolizist Lottmann befand sich bis Kriegsende bei der Stadtverwaltung im Stadthaus.

Die Dienststelle der Polizei hatte sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Amtsgerichtsgebäude am Drostentor befunden – die Polizei unterstand bis November 1946 der Militärregierung. Doch das Amtsgericht wurde nach dem Krieg wiedereröffnet, so dass die Räume bald nicht mehr zur Verfügung standen.

 

 


Die Polizei im Landkreis Wittmund unterstand zunächst der Britischen Besatzungsmacht. Daher waren Aufbau, Ausbildung und Dienstgestaltung vom englischen Muster, von der Militärregierung geprägt. Nach Gründung des Landes Niedersachsen, Verordnung vom 1. November 1946, begann der Neuaufbau der heutigen Polizei. In Wittmund wurde die Polizei-Subdivision mit angegliederter Kriminalpolizeistelle (bis Ende 1950) eingerichtet, die der Bezirksregierung Aurich unterstellt war. Eine der Unterabteilungen war das Polizei-Landrevier Esens mit einer Wache. Hierzu gehörten die Polizeistellen Langeoog und Spiekeroog sowie Bensersiel, Dunum, Groß-Holum, Fulkum, Moorweg, Westeraccum, Westerholt und Westochtersum. Man hatte viel mit Schwarzhandel und Viehdieben zu tun.

 

In den durch den Umzug der Esenser Stadtverwaltung 1943 frei gewordenen Räume im Obergeschoss des Stadthauses am Marktplatz zog am 12. August 1946 das Polizei-Landrevier Esens der Polizei-Sub-Division Wittmund in drei große und einen kleinen Raum ein und man nutzte auch die drei Haftzellen (waren die bereits vorhanden ???). Zuvor waren diese Räume noch von Flüchtlingen und Gastwirt Heinrich van der Werp genutzt worden. Zu den Räumen der Polizeistelle gehörte auch ein „Nebengelass“ für Heizmaterial und die Dienstfahrräder (Scheune). Die Büros umfassten 72 Quadratmeter, die Hafträume noch einmal 19 Quadratmeter.

Als Jahrespacht wurden 720 Reichsmark vereinbart, später 720 D-Mark. Für die drei Zellen zahlte die Polizei 60 D-Mark im Monat an Miete, zur Einrichtung suchten die Ordnungshüter unter anderem drei Stubenöfen und zwei Schränke.

 

Am 1. Oktober 1945 kam Edo Feddermann (aus Moorweg / Ostochtersum; Jahrgang 1921, 1939 bis 1945 bei der Marine) zur Polizei, die seinerzeit noch mit der Wehrmachtsuniform Dienst tat. Er musste eine ärztliche Untersuchung und eine schriftlich Prüfung über sich ergehen lassen, besuchte 1946 die Polizeischule Hannover. (im Esenser Stadtrat 1964 – 1992; parteilos, SPD; danach in den 80-er Jahren noch Deichpolizist für die Deich- und Sielacht Esens).

 

Ein Raum blieb wohl noch im Amtsgericht besetzt. Denn Amtsgerichtsrat Albert Ruhkopf forderte im September 1946 Polizei-Inspektor Hinrichs (Wittmund) auf, man möge auch das Zimmer 5 räumen, weil es benötigt würde. Hauptmann (Vorname ???) Wölfer war bei Kriegsende für das gesamte Kreisgebiet zuständig, er wurde Ende 1945 inhaftiert, weil er Nazi gewesen sein soll.

Oberleutnant Max Döring, der Anfang 1946 als Polizei-Inspektor nach Esens kam, war hier mit etwa sechs Kollegen tätig. Zuvor war er in Wiesmoor-Friedeburg tätig. Leutnant Schadewald war tätig in Friedeburg. Bald wurden grüne Uniformen eingeführt, dazu gehörte der Chaco (Helm mit Polizeistern und Sturmriemen) auf den Kopf. Später folgte eine Ausgehuniform in dunkelblau. Es gab einen 12-Stunden-Dienst (Wechsel 7 Uhr und 19 Uhr) und die Wache Esens war ständig besetzt. Bis Ende 1946 wurde auch die Insel Spiekeoog von Esens mitbetreut.

 

Die Ausrüstung der neuen Polizei war zunächst sehr einfach. Landpolizisten besaßen nicht einmal ein Dienstfahrrad, sondern mussten das private Rad benutzen. Dafür erhielten sie monatlich drei D-Mark Aufwandsentschädigung. Sie durften keine Waffen tragen, hatten zur Selbstverteidigung einen Gummiknüppel (Kupferkabel mit Gummi-Ummantelung, später Holzknüppel). Schreibmaterial war Mangelware. Der spätere Esenser Realschullehrer Tilo Säckel wirkte (in Wittmund ???) als Dolmetscher vom Englischen ins Deutsche und umgekehrt. Große Schwierigkeiten hatten die Polizisten bei der Festnahme von Straftätern aus den Ausländer-Lagern wie das Ungarlager in Esens (ehemaliges Marinelager, heute Ostlandsiedlung). Auch Überfälle von Polen, die nachts per Lastwagen einsam gelegene Bauernhöfe aufsuchten und ausplünderten, konnten nie aufgeklärt werden, weil kein Fahrzeug vorhanden war.

 

Nach der Auflösung des Polizeilandreviers Friedeburg 1950 wurde die Suddivision in Polizeiabschnitt Landkreis Wittmund umbenannt, Abschnittsleiter war zu dieser Zeit Otto Langrehr. Zur Zeit von Polizeikommissar oder Polizei-Inspektor Eilert Dieken und Polizei-Obermeister Hermann Deepholt wurde 1953 der Pachtvertrag im Stadthaus gekündigt, weil man mit der Pachtgebühr nicht einverstanden war. Nach Verhandlungen wurde dann aber doch verlängert und man zahlte nun 115 D-Mark im Monat, also 1380 D-Mark im Jahr. Den ehemaligen Raum der Stadtkasse nutzte in den Jahren 1950 bis 1957 das Kirchenrentamt. Als das Kreiskirchenamt im April 1957 (seit 1950) auszog, überlegte man, ob die Gastwirtschaft Hermann Strutz oder die Polizei den Raum haben sollte. Man entschied für Strutz, die Polizei hätte genug Platz. Polizeimeister Fritz Warnat, der Ostpreuße war und Deepholt vertrat, war bekannt durch seine lange Pfeife.

 

Das Pachtverhältnis wurde erst zum 1. April 1964 gekündigt, da die Polizei-Dienststelle zu diesem Zeitpunkt in das Nebengebäude des Rathauses (davor: Wangelinsches Witwenstift; Eingang an der Marktstraße) verlegt wurde. Wenn man hineinkam, befand sich gleich links ein Raum mit Nebenzimmer, die Treppe geradeaus führte zur Wohnung Fokke Tjarks, neben der Treppe geradeaus kam man in den Innenhof, in dem das dunkelgrüne VW-Polizeiauto für den Chef parkte (Zufahrt erfolgte vom Marktplatz aus, in der ehemaligen separaten Waschküche standen die Fahrräder der Kollegen), gleich rechts war das Büro vom Dienststellenleiter, schräg rechts ein weiterer Raum, in das eine geschlossene Zelle eingebaut wurde. Gebührenpflichtige Verwarnungen kosteten in dieser Zeit je nach Delikt eine, zwei oder drei Mark.

 

Am 1. Juni 1965 wurde das Polizeilandrevier Esens, das immer Wittmund unterstellt war, dann in Schwerpunktstation Esens umbenannt. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Einzelposten, die Polizeistationen (Wachtmeister) aufgelöst.

 

Polizeibeamte in Esens - nach Auflösung der der Polizeieinzelposten wurden folgende Beamten zur Polizeistation Esens versetzt: Kurt Ratzmann vom Polizeiposten Utarp, Paul Bohnhagen aus Großholum, Reinhard Rotter aus Altgaude (davor Walter Ehlers, später auch in Esens), Heinrich Peters aus Bensersiel und Edo Feddermann aus Moorweg. Weitere „alte“ Kollegen: Johannes Heiken, Erich Theilen, Friedrich (Fritz) Folkerts, Ernst Willberg 1952 bis 1965. Hans-Jürgen Natorp, wohnte in Esens, war allerdings Polizeiabschnittsleiter in Wittmund.

 

Eine Zentralisierung der Schutzpolizei mit stetigem Abbau und Auflösung der Einzelposten (in den oben genannten Ortschaften) erfolgte bis 1972. Die ländlichen Gemeinden wurden nun von der Polizeistation Esens aus betreut. In diesen Jahren nahmen die Motorisierung der Bevölkerung und damit die Verkehrsunfälle rapide zu. Es wurde zunächst Schichtdienst versehen, der dann später zum Bedarfsdienst umgestaltet wurde.

 

Im Jahre 1972 wurde auf einem Grundstück der Familie Poppinga an der Bahnhofstraße 15 a durch das Staatshochbauamt (heute: staatliches Baumanagement Wilhelmshaven) ein Gebäude errichtet, das links die Diensträume von Stationsleiter Rudolf Erlebach und Mitarbeitern und rechts eine Einliegerwohnung enthielt. In die Wohnung zog am 1. März 1973 Polizeibeamter Heinrich Spilker mit Ehefrau Erika und den Kindern Kerstin, Wenke und Tanja ein. Auch zwei Zellen wurden eingebaut, die allerdings 2003 wegen nicht mehr erfüllbaren Vorschriften stillgelegt wurden. Die Uniformen wurden auf Grün (beige Hosen) umgestellt.

 

Rudolf Erlebach (1919 – 1991) stammte aus Sachsen, trat 1945 in den Dienst der Polizei ein. 1957 kam er nach Wittmund und wurde später Leiter des Polizeireviers Esens. Erlebach, von ruhiger, zurückhaltender und sachlicher Art, leitete von 1975 bis 1977 als Hauptkommissar den Außendienst des Polizeiabschnitts Wittmund. Bis zur Pensionierung 1979 war Rudolf Erlebach Fachlehrer an der Landespolizeischule Huntlosen. Zehn Jahre, bis wenige Wochen vor seinem Tod, wirkte er als Schiedsmann der Samtgemeinde Esens, viele Jahre als Vorsitzender der Kreisverkehrswacht, später Ehrenvorsitzender. Auch im Kirchenvorstand war er tätig.

 

Zu den besonderen Ereignissen gehörte, dass 1974 in der Dienststelle ein Sprengsatz detonierte. Es handelte sich um eine selbstgebastelte Brandbombe, die in der Mühle Jürgen Peters (Nobiskruger Weg) gefunden wurde. Ein Beamter trug sie in einer Plastiktasche auf die Wache und beim Herausnehmen aus der Tasche ist der Brandsatz gezündet. Kein Personenschaden, jedoch am Mobiliar.

 

Ein anderes Ereignis war am 25. August 1981, als ein maskierter Mann aus Esens die Volksbank am Marktplatz überfiel. Kassierer Heinz Oetken bewies hier Zivilcourage und verscheuchte den Täter, der in Richtung Hayungshauser Siedlung floh. Die Esenser Polizei nahm die Sache auf. Er wurde später gefasst und verurteilt.

 

1973 wurde der bisherige Einzelposten in Holtriem aufgegeben, als Kurt Ratzmann, zugleich Bürgermeister in Utarp, in Ruhestand ging. Später richtete man diesen Posten wieder ein, weil der „bürgernahe Bedarf“ erkannt wurde: Im Jahre 1985 erhielt Polizeimeister Joachim Albers diese Außenstellen-Posten. Die Dienststelle wurde zunächst in Westerholt, Mittelgast eingerichtet. 1996 zog Albers mit der Dienststelle nach Schweindorf, Ossendrift 6e, um. Die Dienststelle in Holtriem führt jetzt die Bezeichnung „Polizeistation“.

 

Im Jahre 1989 wurde die Dienstwohnung an der Bahnhofstraße aufgelöst, hier entstanden Büroräume und ein Zimmer für Verhöre. Schon 1984 war Heinrich Spilker nach Wittmund versetzt worden.

 

1993 wurde das Polizeikommissariat Wittmund im Rahmen der Reform Polizeiinspektion, so dass Esens in diesem Zusammenhang den Status Polizeikommissariat erhielt. 2004 wurde Esens im Zuge der erneuten Polizeireform wieder Polizeistation.

 

 
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